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Tagungsbericht von Frau Prof. Dr. Dursun

von Joachim List

"Wenn meine Wqhrheit nicht Deine Wahrheit ist" war das Thema einer Tagung in der Schweiz. In deren Rahmen hielt Frau Prof. Dr. Dursun einen Vortrag zum Thema "Pluralitätsfähigkeit bloß ein Mythos? Chancen und Herausforderungen der religiösen Pluralität im europäischen Kontext". Hier ein Bericht über diese Tagung:

Der Schweizerische Rat der Religionen (SCR) und das Institut für Christkatholische Theo­logie der Universität Bern haben in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Theologischen Gesellschaft (SThG) und dem Haus der Religionen erstmals gemeinsam eine Tagung ver­anstaltet zum Thema «Wenn meine Wahrheit nicht Deine Wahrheit ist – Wahrheitsanspruch und Pluralität der Religionen in der Schweiz».
Die Tagung wurde mit Grussworten von Dr. Gottfried Locher, Präsident des SCR, Dr. Farhad Afshar, Präsident der Koordinationsstelle Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS) und Mitglied des SCR, sowie Prof. Dr. Angela Berlis, Universität Bern und Präsi­dentin der SThG, begonnen.

Im Eröffnungsvortrag ging Prof. Dr. Reinhold Bernhardt (Universität Basel) der Frage nach, was religiöse Wahrheit eigentlich sei. Er zeigte drei unterschiedliche Konzeptionen von Wahrheit, denen zufolge erstens eine Aussage oder ein Sachverhalt entweder wahr oder falsch ist oder zweitens zwischen Echtheit und Fälschung unterscheidet und sich somit auf das Sein der Dinge bezieht. Beide hielt Bernhardt in Bezug auf religiöse Wahrheit für wenig gewinnbringend. Seinem dritten Zugang zufolge, bezieht sich Wahrheit auf die Qualität der Gottesbeziehung. Wahrheit wird gelebt in Beziehung mit Gott. Diese Auffassung löst zwar den Konflikt divergierender Wahrheitsansprüche nicht auf, ermöglicht aber einen fruchtbaren interreligiösen Dialog, dessen Ziel nicht ein Übereinkommen ist, sondern das Bestimmen der Beziehung und die Verständigung durch das Bennen der Differenzen. Dieser Vortrag löste Fragen zum Gottesverständnis einerseits aus christlicher aber auch aus buddhistischer Sicht aus.

Im Anschluss daran diskutierten Prof. Dr. Frank Mathwig (Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Bern) und Dr. Annette Böckler (Zürcher Institut für interreligiösen Dialog, Zürich) anhand ihrer Vorträge über Wahrheit contra Toleranz. Mathwig argumentierte zunächst in eine ähnliche Richtung wie Bernhardt, indem er das Wahrheitsverständnis, dass sich auf wahre oder falsche Aussagen bezieht, ebenfalls für wenig hilfreich erachtete. Ausserdem hielt er ‚Toleranz’ für das Gespräch zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens für unbrauchbar; Toleranz sei eine politische Kategorie und Menschen könnten nicht über die Wahrheit ihres Glaubens verfügen. Die Religion wird wahr von aussen, durch die Gnade Gottes. In der Begegnung mit Angehörigen anderer Religionen könne es daher nicht darum gehen, gemeinsame Wahrheit zu finden, sondern die anderen «aus der Perspektive der Gnade und Wahrheit Gottes wahrnehmen zu lernen».

Böckler sprach über die Entstehung des Monotheismus, der ein wesentliches Merkmal jüdischer Identität ist; die als Reaktion auf das theologische Problem, des Verlusts des Tempels zu verstehen sei. Das Judentum unterscheidet stark zwischen Zugehörigkeit und Abgrenzung nach aussen, wodurch eine grosse innere Vielfalt entstehen konnte, zu der das rege Debattieren gehört. Aus dem innerjüdischen Pluralismus lässt sich aber keine Toleranz gegenüber anderen Religionen ableiten. Toleranz hat einerseits mit Macht und Machterhalt zu tun und kann andererseits nur dort bestehen, wo eine gemeinsame Basis – also innerhalb des Judentums – vorhanden ist.

Nach dem gemeinsamen veganen ayurvedischen Mittagessen konnten die Anwesenden entweder an einer Führung durch das Haus der Religionen teilnehmen oder an einem inter­religiösen Dialog zwischen dem christlichen Theologen Prof. Dr. Dr. Douglas Pratt (Univer­sität Bern) und dem Assistenzrabbiner Michael Kohn von der Jüdischen Gemeinde Bern. Pratt und Kohn sprachen über ihr eigenes Verständnis von interreligiösem Dialog, wobei Kohn bereits den innerjüdischen Dialog als herausfordernd betrachtete. Für Pratt lag die grösste Herausforderung des interreligiösen Dialogs im religiösen Extremismus, mit dem er sich intensiv beschäftigt. Pratt und Kohn waren sich beide darin einig, dass es den interreligiösen Dialog auch heute noch braucht.

Über Konflikte und Pluralitätsfähigkeit referierten Prof. Dr. Hansjörg Schmid (Universität Fribourg) und Dr. Sule Dursun (Universität Wien). Schmid untersuchte das Verhältnis von Dialog und Konflikt anhand der Konfliktforschung und erläuterte, dass der Streit um Wahrheit als Ringen um Wahrheit zu verstehen sei und Konflikte nicht grundsätzlich etwas Schlechtes seien. In den von Schmid dargestellten gegenwärtigen Beispielen religiöser Konflikte in der Schweiz zeigte sich, dass Dialog eine vermittelnde Funktion hat und sowohl eskalierend als auch deeskalierend wirken kann.

Dursun sprach in ihrem ebenfalls praxisorientierten Referat über die gesellschaftspolitischen Herausforderungen im Umgang mit religiösem Pluralismus. Eine Antwort darauf kann die Religionspädagogik geben. Dursun vertrat die Meinung, es sei der konfessionelle Religions­unterricht an Schulen, der Schülerinnen und Schüler befähige, einen kritischen Blick auf die eigene Religion zu werfen und Perspektivenwechsel zu vollziehen. Der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen sei, so Dursun in Österreich ein Pflichtfach, durch die religiösen Gemeinschaften vermittelt und staatlich finanziert. Es gibt daher in Österreich seit 1982 islamischen Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Dursuns Beitrag stiess auf grosses Interesse und löste eine angeregte Diskussion aus.

Die Vorträge sowie die anschliessenden Diskussionen wurden von Prof. Dr. Angela Berlis (Universität Bern), Miriam Schneider (Universität Bern), und Dr. Abel Manoukian (General­sekretär SCR) moderiert.

In der abschliessenden Podiumsdiskussion sprachen Rifa’at Lenzin (Präsidentin IRAS COTIS Zürich), Prof. Dr. Alfred Bodenheimer (Universität Basel), Bischof PD Dr. Harald Rein (SCR) und Priester Murali Thiruselvam (Hindugemeinschaft Bern) u.a. über die Themen öffentlich-rechtliche Anerkennung religiöser Gemeinschaften in der Schweiz; die unterschiedliche gesellschaftliche Akzeptanz der religiösen Gemeinschaften und die historische Entwicklung des interreligiösen Dialogs. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Frau Sara Kviat Bloch (Beirat SCR).

Das Schlusswort sprach Dr. Motassar BenMrad (Vizepräsident SCR) der nochmals den friedensfördernden Charakter des interreligiösen Dialogs betonte.

Mit etwa 75 Teilnehmenden, davon einige Französischsprachige, die von der Simultan­übersetzung profitierten, ist die Tagung auf grosses Interesse mit regem Austausch und vielen Diskussionen gestossen. Die Wiederholung einer solchen Tagung wurde von den verschiedenen Beteiligten als wünschenswert erachtet.

Besten Dank an Herrn Peter Feenstra und Pfr. Christoph Knoch für die eindrucksvollen Bilder der Tagung

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